Unsere Wirtschaft stagniert und es wird gefordert, dass alle wieder mehr arbeiten müssen. Das bereitet vielen Unbehagen. Und löst das wirklich unsere Probleme?
Hat uns Corona oder New Work auf einen Irrweg geführt? Sind jetzt alle faul geworden und betrügen ihre Arbeitgebenden im Homeoffice? Machen sich die Teilzeitarbeitenden einen schönen Tag? Und brauchen die jungen Menschen (oder etwa alle?) mal ne klare Ansage? So wie manche Politiker es derzeit gerne formulieren: „Mit einer Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand nicht halten“.
Sind wir also nicht mehr arbeitswillig? Und wenn wir so wenig arbeiten, warum sind wir dann so erschöpft? Gehen wir davon aus, dass die Reaktionen junger (und zunehmend auch älterer) Menschen kein Defizit, sondern ein Resonanzphänomen sind, dann zeigen sie uns:
😵 Unsere Strukturen erzeugen Belastung, Sinnverlust und Ohnmacht – und Menschen reagieren darauf zunehmend offen statt still.
Die Frage ist also nicht:
„Wie müssen Menschen robuster werden?„
Sondern:
„Welche Strukturen erzeugen Überforderung oder Entfremdung?„
Viele Unternehmen modernisieren gerade nur die Oberfläche – und wundern sich, dass darunter dieselben Spannungen wirken. Arbeitnehmende suchen dann im Coaching Unterstützung bei ihren täglichen Belastungen und persönlichen Herausforderungen . Hier zeigt sich oft, nicht die eigene individuelle Stärke oder Belastbarkeit ist das Problem, sondern fehlende Bereitschaft zur Umsetzung von struktureller und organisationaler Veränderung in den Unternehmen. Klient:innen sind dann bereits „ausgebrannt“. Sie haben versucht etwas zu ändern oder zu kompensieren, worauf sie keine oder zu wenig Einwirkung haben. Innere Kündigung, Krankheit oder Jobwechsel scheint dann der einzige Ausweg zu sein. Und genau das kann Deutschland sich nicht erlauben.
1. Die Forderung „mehr arbeiten, mehr leisten“ – was ist damit eigentlich gemeint?
Richtig ist, wenn keiner mehr leistet, fährt die Wirtschaft gegen die Wand. Aber was bedeutet leisten? In Krisenzeiten geraten Menschen in Panik und greifen gern auf bekannte und altbewährte Handlungsstrategien zurück. Leider geht diese Strategie nicht auf, denn die alten Vorgehensweisen von früher treffen auf neue Zeiten und neue Herausforderungen.
Bei der Forderung nach „mehr arbeiten, mehr leisten“ werden drei Dinge vermischt:
Arbeitszeit (Stunden, Wochen, Lebensarbeitszeit)
Leistungsintensität (Druck, Tempo, emotionale Last)
Produktive Wirksamkeit (Wertschöpfung pro eingesetzter Energie)
Wenn gesagt wird, Deutschland müsse „mehr leisten“, ist meist 1 oder 2 gemeint – während das eigentliche Wettbewerbsproblem bei 3 liegt.
👉 Das ist der erste Denkfehler!
2. Der Vergleich mit China oder Indien ist strukturell falsch
Der Ruf nach „chinesischer“ oder „indischer“ Einsatzbereitschaft ignoriert zentrale Unterschiede:
Unterschiedliche Entwicklungsstufen
- In vielen Teilen Chinas/Indiens geht es (noch) um materielle Absicherung
- In Deutschland ist diese Basis weitgehend erreicht
Unsere Gesellschaft befindet sich weiter oben in der Bedürfnispyramide.
Das heißt:
- Menschen reagieren sensibler auf Sinnverlust
- Autonomie, Würde und Lebensqualität sind keine Luxusfragen mehr
- Motivation lässt sich nicht dauerhaft über Existenzdruck erzeugen
👉 Wer das ignoriert, erzeugt innere Kündigung, nicht Leistung.
Unterschiedliche soziale Kosten
Oft geht diese hohe Einsatzbereitschaft in diesen Ländern einher mit:
– extremen Arbeitszeiten
– schwacher Absicherung
– gesundheitlichen Langzeitfolgen
– geringer individueller Gestaltungsfreiheit
Kosten werden somit externalisiert:
❗️auf Familien
❗️auf Gesundheitssysteme
❗️auf kommende Generationen
👉 Das ist kein nachhaltiges Modell, sondern Verschleißökonomie.
Der selten offen ausgesprochene Zielkonflikt dabei ist folgender:
Mehr Arbeit bei gleichbleibender Produktivität → Lebensstandard sinkt
Mehr Druck bei gleichbleibender Organisation → mentale Kosten steigen
👉 Beides ist politisch und gesellschaftlich riskant.
Leisten kann nicht bedeuten, sich verausgaben bis zum Umfallen. Etliche Studien belegen, Schuften ohne Sinnerleben erschöpft uns und macht krank.
Daraus resultierende hohe Fluktuation und hoher Arbeitsausfall kostet Unternehmen unendlich viel Geld und belastet gleichzeitig unser Krankensystem.
3. Das eigentliche Problem: Wir verwechseln Einsatz mit Wirksamkeit
Deutschland hat kein primäres Fleißproblem, sondern ein Struktur- und Wirksamkeitsproblem, das sich in schwachem Produktivitätswachstum und Investitionsdefiziten zeigt. Wettbewerbsfähigkeit entsteht heute nicht mehr primär durch Fleiß, sondern durch Anpassungsfähigkeit.
Historisch betrachtet gewinnen nicht die Gesellschaften mit den härtesten Arbeitsnormen, sondern jene mit den besten Innovationssystemen.
Makroökonomisch bestimmen 4 Faktoren langfristiges Wachstum: (Quelle ChatGPT)
| Faktor | Status in Deutschland | Wirkung |
| Produktivität | stagniert in vielen Branchen | zentraler Hebel |
| Demografie | alternde Bevölkerung | begrenzt Arbeitskräfte |
| Innovationsquote | moderat | hemmt Innovation |
| Technologiediffusion | langsam | Innovationslücke |
Bevor man also „mehr Arbeit“ fordert, müsste man fragen:
„Warum und wo verpufft so viel vorhandene Leistung?“
- Liegt es daran, dass Unternehmen an alten Geschäftsmodellen festhalten und weiter in das investieren, was sie stark gemacht hat, statt in das, was sie zukunftsfähig macht?
- Oder möglicherweise am Innovationsfokus auf „Old Economy“?
- An der schleppenden Digitalisierung?
- Den hohe Energiepreisen?
- An zu viel Bürokratie?
- Dem wachsenden Fachkräftemangel?
- Oder am Investitionsstau digitaler Technologien?
Die aktuelle Literatur sowie Studien von McKinsey und OECD zeigen konsistent, dass mehr Stunden Arbeit kurzfristig Output erhöhen, aber nicht automatisch Wertschöpfung pro Stunde. Genau das ist aber der nachhaltige Effekt für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit.
4. Psychologisch betrachtet: Rückschritt erzeugt Widerstand
Wer Gesellschaften dauerhaft rückwärts entwickeln will, wird mit massiven Folgen konfrontiert:
- Wenn Menschen subjektiv verlieren, was sie für „erreicht“ hielten
- wenn Sicherheit, Zeit oder Lebensqualität sinken
- ohne glaubwürdige Perspektive
dann entstehen:
- Abwehr
- Polarisierung
- Radikalisierung
- Vertrauensverlust in Institutionen
👉 Stößt das System an Grenzen – sind es die jüngeren Generationen, die das früh benennen.
5. Was brauchen wir stattdessen?
Ich sehe hier ökonomische Zwänge, psychologische Grenzen und gesellschaftliche Entwicklungsstufen, die man nicht einfach rückgängig machen kann.
👎🏼 Man kann Menschen zu mehr Einsatz zwingen.
❗️Aber nicht zu mehr Sinn, Identifikation oder Kreativität.
Wir sollten uns nicht für Schuld interessieren, sondern für Wirkung.
Nicht fragen:
„Was stimmt mit dieser Generation/unserer Belegschaft/unserer Gesellschaft nicht?„
Sondern:
„Was zeigen uns die Reaktionen über unsere Strukturen?“
„Was müssen wir ändern, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Was kann ich jetzt für dich tun?
Als Coach wirke ich als neutraler Sparringspartner und helfe, Denkweisen, Werte und Zusammenarbeit an die neuen Anforderungen anzupassen.
Dabei analysiere ich auch aktuelle politische und wirtschaftliche Entwicklungen, um deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt zu verstehen und beleuchte psychologische Dynamiken im zwischenmenschlichen Miteinander in Organisationen.
Im 1:1-Coaching kannst du dich klardenken.
Im Workshop moderiere ich eure Arbeitskreise, um gemeinsam Lösungen für eure konkreten Probleme zu finden oder neue Ideen zu entwickeln.


