„Coaching nervt …“

Mich auch manchmal – dabei bin ich selbst Coach!

Immer mehr Menschen äußern sich, von Coaching genervt zu sein oder sie erläutern „fachmännisch“, wann der Einsatz von Coaching falsch ist.

Einerseits ärgert es mich zu hören, dass „Coaching nervt, weil es für alles hergenommen und an Menschen herumgedoktert wird“. Andererseits bin ich davon genervt, wer sich als Coach sieht oder was alles als Coaching bezeichnet wird. Heutzutage urteilen viele Menschen über Coaching, können aber zwischen Beratung, Training, Coaching und Therapie nicht unterscheiden. Der Beruf „Coach“ ist gesetzlich nicht geschützt und so gibt es leider etliche „Coaches“ (mit mehr oder weniger Qualifikation dazu), die ein falsches Selbstverständnis haben und dem Image von professionellem Coaching nicht zuträglich sind.
Wieviel Coaching eingekauft wird, zeigt allerdings auch, wie sehr es geschätzt wird und im privaten wie beruflichen Bereich erfolgreich und nachhaltig an Bedeutung gewinnt. Meiner Meinung nach gibt es zwei Coachingdilemmata.

Das erste Dilemma ergibt sich, wenn Coaches ohne Zulassung als PsychotherapeutIn ihre Tätigkeit anbieten, die auf Diagnose und Behandlung von psychischen Krankheiten abzielen.

Ich schätze es sehr, wenn Coaches sich positionieren und zu bestimmten Themen eine Expertise haben. So gelesen auch auf einer Socialmedia Plattform von einem Coach, der sich als Experte für Narzissmus sieht. In einem seiner Posts entstand allerdings der Eindruck, dass jeder Coach versuchen kann, einer an Narzissmus erkrankten Person zu helfen, wenn diese vor einem narzisstischen Zusammenbruch steht (z.B. aufgrund von Scheidung, Trennung, Kündigung, Ausgrenzung). Das halte ich für sehr gewagt, wenn nicht sogar gefährlich. Narzissmus hat mehrere Schweregrade.

Leichtere narzisstische Verhaltensmuster, die ein Klient oder eine Klientin als ungünstig für sich selbst erkannt hat und an sich verändern möchte, können durch Coaches mit entsprechendem KnowHow im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung begleitet werden, ebenso Personen, die unter dem narzisstischen Verhalten anderer leiden.

Der angesprochene Zustand des Beispiel-Narzissten gehört aus meiner Sicht in professionelle therapeutische Hände und nicht in eine gewöhnliche Coachingsession, wie vom Autor des betreffenden Posts vorgeschlagen. Näher betrachtet hatte er tatsächlich weitere Qualifikationen vorzuweisen, die ihn für die Arbeit mit Narzisst:innen befähigen. Dennoch ist Narzissmus eine Persönlichkeitsstörung und gehört zu den typischen psychiatrischen Krankheitsbildern, die vonPsychiaterInnen und PsychotherapeutInnen zu behandeln sind.

Liegt keine psychische Krankheit vor, wohl aber ein psychischer Belastungszustand durch Stress, systemische Mängel oder zwischenmenschliche Probleme, tragen gerade im beruflichen Umfeld Coachings nachweislich zu schnellen und nachhaltigen Verbesserungen des Belastungszustandes bei. Diverse Krankenkassenstudien belegen, dass psychische Beanspruchung zu immer mehr Krankheitstagen sowie Arbeitsunfähigkeit führt. Und trotzdem werden Coachings, im Gegensatz zu Psychotherapien, nicht von Krankenkassen bezuschusst, so dass Coachees aufgrund der finanziellen Belastung nur ein bis zwei Coachingsessions buchen, obwohl sie sich noch mehr Unterstützung gewünscht hätten.

Typische psychiatrische Krankheitsbilder, die Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen behandeln, sind z.B.

Phobien
Depressionen
Paranoia
Angstzustände
Magersucht/Bulimie
Suchtkrankheiten
krankhafte Aggressionszustände und Gewalttätigkeit
Allergien
Traumata
psychosomatische Leiden
alle in den Aufstellungen DSM 3 und ICD-10 katalogisierten Krankheiten

Die Rechtssprechung sagt: „Coaches ohne Zulassung als PsychotherapeutInnen dürfen grundsätzlich keine Trainingsinhalte anbieten, die auf Diagnose und Behandlung von psychischen Krankheiten abzielen.“ (https://www.anwalt.de/ rechtstipps/coach-ein- berufsbild-ohne-gesetzliche- norm_028150.html)

Psychotherapiekosten werden von Krankenkassen übernommen, wenn nachweislich eine seelische Erkrankung vorliegt.

Das zweite Coachingdilemma ist meiner Meinung nach die Verweigerung von Coaches, dort zu coachen, wo ihre Expertise gefragt ist, sie aber glauben, nicht zuständig zu sein.

Ziel von Coaching ist die Bewältigung von

• Motivationsproblemen
• Führungsproblemen
• Organisationsproblemen
• persönlichen Problemen und Krisen 

Zuletzt schrieb ein Coach auf LinkedIn, dass sie sich weigern würde, Menschen zu coachen, wenn es um Probleme auf der Organisationsebene in Unternehmen geht. Damit gemeint waren Coachees, die über massive Überlastung klagen, weil die Folgen von organisatorischen und strukturellen Problemen ein Berg an Aufgaben mit sich bringen, die von einzelnen Beschäftigten nicht mehr bewältigt werden können.
Das „angebliche“ Coaching wäre ein „Wegtherapieren“ und wurde kurz damit zusammengefasst, dass Betroffene für zu viele ToDos besser delegieren sollen, für zu viele Meetings lernen „nein“ zu sagen, für anfallende Überstunden ein besseres Zeitmanagement brauchen, Entspannungs-Apps nutzen sollten usw.. Ja, all das sind Herausforderungen, mit denen viele Beschäftigte konfrontiert sind. Natürlich liegen hierbei oft organisatorische Probleme vor, die in erster Linie im System gelöst werden müssten. Ich fände es aber erstrebenswert, wenn Geschäftsführung und Beschäftigte gemeinsam an Problemlösungen arbeiten. Denn beide spielen eine große Rolle, wenn es gilt Schwachstellen und Verbesserungspotential sichtbar zu machen – oft im System und manchmal auch bei sich selbst.

COACHINGTÄTIGKEITEN

Karrierecoaching
Bewerbungstraining
– Entscheidungstraining bei Alltags- und beruflichen Fragen
– (Selbst)Motivationstraining
– Zielfindung/Visionsentwicklung
– Entspannungstechniken
– Selbstmanagement (Umgang mit Problemen und unangenehmen Situationen)
– Kommunikationsverbesserung
– Präsentationscoaching
– Konfliktmanagement
– Führungskräftecoaching
Team-Coaching
– Sport-Coaching
– allgemeines mentales Training
– Steigerung des Selbstbewusstseins
– Stressbewältigung
– Motivationshilfe bei akuten Krisen (z.B. Arbeitsplatzverlust, Trennung, Scheidung,
Tod, …)
– allgemeine Lebensberatung
– Schlafstörungen
– Gesundheitscoaching
– Unterstützung bei psychisch belastenden Konflikten
– Verwendung von Trance/Hypnose
(https://www.anwalt.de/ rechtstipps/coach-ein- berufsbild-ohne-gesetzliche- norm_028150.html

Coachingkosten werden noch nicht einmal bezuschusst und müssen zu 100% aus dem privaten Geldbeutel bezahlt werden.

Ein professionelles Coaching kann bei individueller Veränderung aber auch bei systemischen oder strukturellen Organisationsproblemen helfen.

  • Manchmal liegt es an den eigenen Erwartungen, Ängsten oder Verhaltensmustern, warum Menschen gestresst oder belastet sind.
  • Oft sind Organisationsprobleme sowie Führungsverhalten ein weiterer Auslöser für psychische Belastung.

Wenn ein Unternehmen nicht die Einsicht bzw. Bereitschaft hat, organisatorische oder strukturelle Schwachstellen zu beheben, bleibt ja auch noch der Weg der eigenen Veränderung – in dem Fall Kündigung. Auch diesen Prozess unterstützt ein Coaching. Der LinkedIn Post brachte zum Ausdruck, dass ein Coach die Folgen von Hierarchie, Personalmangel, zu langen Entscheidungswegen, unklaren Rollen und Zuständigkeiten usw. nicht „wegtherapieren“ kann. Richtig, denn wie der Begriff schon sagt, „therapieren“ ist nicht die Aufgabe von Coaches. Aber genau hier beginnt ein guter Coach mit seiner Arbeit, in dem er seine Coachees bei ihren Herausforderungen unterstützt:

– Muster/Blockaden/hinderliche Verhaltensweisen sichtbar macht
– Bedürfnisse aufdeckt
– Selbstreflexion schafft
– verschiedene Perspektiven einnehmen lässt
– mit den Coachees Lösungen gemeinsam erarbeitet
– für Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung sorgt
– u.v.m. 

Eine Coaching kann als Einzelcoaching oder auch als Teamcoaching stattfinden. Oder es wird von Unternehmen ein Workshop gebucht für spezielle oder akute Anliegen, wie z.B. ein Workshop für gesunde Unternehmenskultur oder Burnout-Prävention. Im Idealfall arbeiten Coach und Unternehmen mit Executives und Teams gemeinsam an Verbesserungen ihrer Arbeitssituationen.Und noch etwas ist wichtig. Coaches sind keine WunderheilerInnen. Wie erfolgreich ein Coaching ist, hängt neben der Expertise auch von der Bereitschaft der KlientInnen ab. Ob, was und wieviel diese verändern wollen, liegt nicht im Ermessen des Coach, sondern wird vom Coachee selbst getroffen. Je professioneller das Vorgehen ist, desto eher ist ein Coachee aber in der Lage Veränderungen vorzunehmen und desto passender und nachhaltiger werden diese sein.